Darstellende Kunst, Spiritualität, Kapitalismus und Naturzerstörung /

Im Klima der Angst! Was haben ein angstbesetztes, patriarchales Arbeitsklima am Theater und unsere naturzerstörerische, kapitalistische Lebensweise gemeinsam?
Wie gebe ich der darstellenden Kunst ihre verlorene spirituelle Dimension zurück und nehme meine Verantwortung für den Zustand der Welt wahr?

Ich habe nirgendwo so viel Rassismus und Sexismus erlebt wie im Theater, so der Titel eines Gastbeitrages von Mateja Meded auf Spiegel Online (02.Mai 2020). Zeitgleich gerät Shermin Langhoff in die Schlagzeilen der Kulturseiten. (taz, 02.05.2021)  Der Vorwurf an die langjährige Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters; sie verbreite ein Klima der Angst. Der Anfang einer Liste die sich inoffiziell endlos fortsetzen ließe, bis in einzelne Schauspielschulen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Auf allen künstlerischen Ebenen tobt Verdrängungskampf. Es geht um Anerkennung, Karriere, Geld, Macht, Einfluß. Theater gleichen Fürstentümern, begründet durch ihrer Fürst*innen Heldentaten: Erfolg legitimiert alles. Das ist das Dogma. Kritikwürdig, schuldig sind immer die anderen. Ich vermute jede*r Künstler*in hat mindestens eine Erfahrung abrufbar.

Das Theater ist ein System, das von Ausbeutung und Unterdrückung profitiert. An der Spitze ist ein Machthaber, meistens ein Mann älterer Generation, der alle künstlerischen, finanziellen und organisatorischen Entscheidungen fällt. Egal, ob er dafür qualifiziert ist oder nicht. Das System ist missbrauchsanfällig, weil Leute darin gern ihre Phantasien ausagiert sehen und über Körper von anderen verfügen, die nicht besonders zum Widerstand ausgebildet sind, die im Eifer des Gefechts denken, sie müssten alles tun für diese Karriere. Kunst wird aus übergriffigem Verhalten legitimiert – und umgekehrt. (taz, 21.03.2021)

Nach einer Veränderung der Machtstrukturen zu rufen scheint sinnvoll. Es wäre aber eben auch nicht das erste Mal und nicht das erste absehbare Scheitern. Ich erinnere an die vergangenen Mitbestimmungsmodelle an der Schaubühne Berlin oder in Frankfurt.
Meiner persönlichen Erfahrung nach liegt das auch Problem tiefer. In unserer künstlerischen Grundhaltung und Arbeitsweise bleiben wir einem Jahrtausende alten Muster verhaftet, das traumatische Zustände schafft, erhält und benötigt. Dabei verhalten wir uns analog zu unserer westlich – zivilisierten Lebensweise. Jeder von uns profitiert mindestens indirekt von Ausbeutung und Unterdrückung – im Beruf oder im Alltag. Welchen Sinn bringt die plakative Anklage auf der Bühne, bin ich doch erhaltendes Teil des Systems?

Wir müssen uns als darstellende Künstler*innen selbst in Frage stellen, das Wesen unserer künstlerischen Arbeit. Wie wollen wir arbeiten? Sind wir schweigende Erfüllungsgehilfen eines Systemes aus Herabwürdigung und Geniekult? Aus welchem inneren Antrieb heraus, mit welchen Denk- und Verhaltensmustern erhalten und bestätigen wir fortwährend ein lebensfeindliches Klima? Das gilt nicht nur im künstlerischen Kontext. Analog kann ich fragen: Aus welchen inneren Mustern heraus beharren wir auf das Dogma des unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstum und ignorieren unsere ökologische Schulden gegenüber den Ländern des globalen Süden. Ist nicht die Grundlage unseres anhaltenden Wohlstandes – vulgo: Überflussgesellschaft – auf Kosten des ausgeschlossenen Teiles der Menschheit entstanden und weiterhin möglich?

Unter dieser Rubrik, dem Königsmord stelle ich Euch in unregelmäßigen Abständen theoretische Grundlagen zur gemeinsamen Arbeit aus Mythologie und Religion zur Verfügung.